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Tanz Kongress 2022 | Mainz | Sharing potentials

Themen

Einführung

Honne Dohrmann, Programmleitung und
Ingrida Gerbutavičiūtė, Dramaturgie:

In einer Zeit, in der sich die kulturellen Systeme immer stärker vernetzen, ist Sharing Potentials das Gebot der Stunde. Die individuelle Verantwortung der Akteur:innen innerhalb und außerhalb von diversen Strukturen wächst und bringt neue Herausforderungen und Möglichkeiten mit sich.

Ausgehend von diesen Veränderungen wurden die Themenschwerpunkte des Tanzkongress 2022 gesetzt: Im Fokus stehen u.a. die berufliche Wirklichkeit von Tänzer:innen, die Stärkung vielfältiger Ansätze zum Austausch und zur Zusammenarbeit und die neuen Brücken zwischen Repertoiretheatern und freier Szene. Die Themenmodule setzen sich aus unterschiedlichen diskursiven Formaten zusammen und sind im künstlerischen Programm sowie im digitalen Tanzkongress.NITEhotel eingebettet. Und, last but not least, wollen wir ein bisschen mit Euch und Ihnen feiern!

Asian Connections through Bodily Expressions

In diesen unsicheren, beunruhigenden Zeiten inspiriert uns als asiatische Gastkurator:innen und Weltbürger:innen das Motto des Tanzkongress 2022, Sharing Potentials, menschliche Beziehungen sowohl im städtischen wie im ländlichen Raum zu erforschen.

In den vergangenen Jahren haben Pandemie, Lockdown und soziale Distanz unser Miteinander und unsere Beziehungen stark beeinflusst: Verändert dies unsere alltäglichen Gewohnheiten, die Art, wie wir uns über unsere Körper ausdrücken, wie wir unseren Körper mit dem unseres Gegenübers in Beziehung setzen? Und verändert sich dann sogar die Art, wie wir gehen und uns bewegen – einzeln und in der Gruppe, unabhängig von unseren kulturellen und geografischen Unterschieden?

Könnte es also sein, dass der Tanz mit seiner Körperlichkeit, dass Tänzer:innen, Choreograf:innen, Theater und Perfomance-Orte die Kraft und Möglichkeit haben, die Menschen wieder zusammenzubringen?

Im Netz vermehren sich die digitalen Performances rasant – wie wäre es dagegen mit performativen, sich bewegenden Spielboxen, die sich immersiv mit öffentlichen Orten verbinden, um eine gemeinsame, inklusive und (e)motionale Erfahrung zu schaffen? Welche Herausforderungen bringt Tanz im öffentlichen Raum für Künstler:innen und Zuschauer:innen mit sich? Natürlich verändern sich Dramaturgien und Technik, wenn man den Theatersaal gegen einen öffentlichen Platz tauscht.

Wie reagieren Theater und Institutionen auf Künstler:innen und Publikum, wie verändern sich Produktions- und Programmentwicklungen und wie verhandeln wir neue Wege, um mit einer Pandemie oder einer Endemie umzugehen?

Es ist eine Herausforderung und ein Abenteuer: Beziehungen wiederherzustellen und neu zu beleben, Künstler:innen, Communitys, menschliche Beziehungen wieder neu zusammenzubringen – Kunst und Künstler:in, Kunst und Publikum, Künstler:in und Publikum. Liebe und Leidenschaft für den Tanz wieder zu entflammen und das Bedürfnis nach Bewegung und nach der kinetischen Energie in uns allen wieder zu beleben.

How Ngean Lim & Gwen Hsin-Yi Chang

body-landscape

Können wir einen Kontinent erfahren und wahrnehmen, ohne ihn zu kennen? Können Körper Landschaften vermitteln?

Das Modul body-landscape zu kuratieren, war für uns ein herausfordernder Forschungs- und Gestaltungsprozess. Denn nicht nur die Kulturen unseres Kontinents sind divers, sondern auch die Natur, die seine Landschaften bildet und die über das Schicksal der Körper mitentscheidet, die sie bewohnen.

Als uralte Ausdrucksform hat der Tanz eine tiefe Verbindung mit der Landschaft und der Natur. Darum haben wir uns für die Idee der Körperlandschaft (body-landscape) entschieden – ein Konzept, das uns ermöglicht, Körperwissen in seiner ganzen Vielfalt zu betrachten. Als ein Wissen, das es schon immer gab – vom Ende der Welt im äußersten Süden des Kontinents über Amazonien, das Zentrum der Karibik, bis hin zum Norden.

Die Vielfalt von Körperlandschaften zeigt unsere Unterschiedlichkeit ebenso wie unsere Gemeinsamkeiten. Sie zeigt Schwierigkeiten und Probleme, insbesondere unsere langen historischen Kämpfe, unsere Körper von der Kolonialisierung zu befreien. Tanzende Körper erweisen heute der Natur Respekt, sie feiern die Durchlässigkeit von Grenzen, die Harmonie von Gegensätzen und unsere eigene Freiheit, uns zu bewegen und einander nach der Erstarrung und Entfernung, die die Pandemie uns gebracht hat, endlich wieder zu begegnen.

María José Cifuentes & Eleno Guzmán Gutiérrez

Co-Creating with Communities

​​Welche Herausforderungen, Chancen, Reibungen und Entwicklungsmöglichkeiten erwachsen im gemeinsamen künstlerischen Wirken mit Communitys in unterschiedlichen Kontexten? Welche Formen, Modelle und Utopien der Zusammenarbeit kann es geben?

In zahlreichen Gesprächen und Projekten sollen diese Fragestellungen in diesem Modul erforscht, diskutiert und gelebt werden. Mit Inputs und Workshops unter anderem von Darren O’Donnell (Mammalian Diving Reflex) und Joke Laureyns (kabinet k) wollen wir die sich verändernde Rolle und den Einfluss von jungen Menschen in der Gesellschaft und in der Kunst sowie nachhaltige Modelle der Zusammenarbeit beleuchten und befragen. In der Workshop-Reihe city moves sind Künstler:innen aus der Rhein-Main-Region, internationale Gäste, Kongressteilnehmer:innen und Tanzbegeisterte der gesamten Region eingeladen, gemeinsam die Plätze der Stadt mit Tanz zu erobern. Und schließlich eröffnet ein Open Space Raum für all die Stimmen, Ideen und Potenziale, die möglicherweise im Kongressprogramm noch nicht zur Geltung gekommen sind.

Marina Grün & Felix Berner

Collective Growth

Wie können sich Gruppen oder Ensembles von innen heraus weiterentwickeln? „Wie kann gleichzeitig die individuelle Entwicklung und die der Gruppe vorangetrieben werden?“ Ausgehend von diesen und ähnlichen Fragen entstand die Idee für das Modul Collective Growth.

Ein Prozess, der sowohl die bereits gefundenen Arbeitsmethoden bewahrt, als auch der Reflexion darüber Raum gibt, an welchen Stellen das Wie der Zusammenarbeit neu ausgehandelt werden sollte, braucht Offenheit und Anpassungsfähigkeit auf allen Seiten. In diesem Modul wollen wir aufzeigen, wie solch ein kollektiver Entwicklungsprozess gestaltet werden kann. Dabei geht es immer darum, Gelerntes und Erfahrungen mit den Bedürfnissen der unterschiedlichen Gruppen und Ensembles zu verbinden.

Mittels Healthy Leadership können besonders die Akteur:innen, die oft zwischen den Stühlen stehen, Tools entwickeln, um ein nachhaltiges Wachstum der Gruppe zu fördern. Um ständigen Stürmen der Veränderung begegnen zu können, baut Booster Resilience auf die Stärkung der inneren Widerstandsfähigkeit – wichtig für alle, die immer wieder mit elementaren Veränderungen konfrontiert sind. „To go“ bieten wir eine Toolbox an, die erprobte Methoden zur nachhaltigen Förderung gemeinsamen Wachstums zur Verfügung stellt.

Fabienne Bill

Dancers as Experts

Die Kuration des Moduls Dancers as Experts entstand aus unserer Neugier auf die gegenwärtigen Selbstverständnisse von Tänzer:innen und wird von unserem tiefen Interesse an tänzerischen Perspektiven angeregt. Dancers Now. Was motiviert Tänzer:innen heute? Welche Erfahrungen machen sie? Welche brennenden Fragen werfen sie auf? Die vielseitige Rolle von Tänzer:innen ist ständig in Bewegung, passt sich an und entwickelt sich weiter – in permanenter Auseinandersetzung zwischen dem tänzerischen Selbstverständnis und den äußeren Anforderungen und Erwartungen. Dieses Modul bietet Möglichkeiten der Reflexion darüber, wie Tänzer:innen ihre Rolle – sowohl in ihrem jeweiligen Arbeitskontext als auch darüber hinaus – sehen und gestalten.

Dancers as Experts ist im körperlichen Wissen, (physischen) Denken und den Visionen von Tänzer:innen verankert. Welche Impulse ergeben sich aus diesem Potenzial für tanzspezifische Diskurse und darüber hinaus für Themen von globaler Bedeutung? Das wollen wir zusammen mit den Teilnehmenden erkunden.

Unsere Co-Kuration wurde konzeptionell von einem Mentor unterstützt, durch Dialoge mit unserer Feedbackgruppe vertieft und vom Austausch mit unseren Kolleg:innen von tanzmainz bereichert. In der Absicht, Neugier, Vertrauen und Teamgeist – Werte, die wir in unserer Kompanie schätzen – zu integrieren.

Als Teil unserer Recherche haben wir eine Reihe von Gesprächen mit Tänzer:innen aus verschiedenen Kontexten und mit vielfältigen Erfahrungshorizonten geführt. Wir freuen uns über die Kooperation mit den spannenden Persönlichkeiten, mit denen wir gemeinsam den Inhalt des Moduls gestalten dürfen. Thematisch unterteilt sich Dancers as Experts in verschiedene Felder:

Dancers Experiencing. Sich in Formaten mit Gender, der Navigation durch Machtdynamiken auseinandersetzen und kritisch (strukturelle) Ungleichgewichte untersuchen. Themen aus der Praxis wie Transitioning diskutieren und einen Diskurs über mentale Gesundheit führen.

Dancers Speaking Up. Einblicke in die Komplexität und die Herausforderungen der Arbeitsrealität von Tänzer:innen bekommen. Wie kommen Tänzer:innen damit zurecht und wann müssen sie Grenzen ziehen? Erleben, wie Solidarität zwischen Tänzer:innen aussehen kann.

Dancers Shaping Spaces. Tänzer:innen haben eine Handlungsfähigkeit für sich selbst, für ihre Kolleg:innen und für die Tanzszene. Welche Mechanismen und Ideen haben sie entwickelt, um das Arbeitsumfeld zu verbessern und welche Kettenreaktionen können dadurch ausgelöst werden?

Dancers Collaborating. In der Diskussion von Themen wie Kommunikation, Verantwortung und Interdependenzen in die kollaborative Natur von Tanz eintauchen.

Setzen Sie den gemeinsamen Austausch in Bewegung! Begegnen Sie sich beim Tanzen – Dance More! Wir freuen uns, Sie in Mainz begrüßen zu dürfen!

Amber Pansters & Finn Lakeberg

(Mentor: Prof. Ingo Diehl; Feedbackgruppe: Jone San Martin Astigarraga, Toke Broni Strandby, Natalie Wagner)

Dance More!

Sich gemeinsam bewegen. Gemeinsam lernen. Gemeinsam etwas erschaffen. Etwas Neues entdecken. Sich verbinden, durch Tanzen, Fallen, Rollen, Springen, Drehen, Fliegen, Schütteln, Stampfen, Klatschen, Mitschwingen, Grooven, Erden, Atmen, Hören, Ausdrücken, Sein, Vorstellen... Was würde passieren, wenn wir einfach mehr tanzen, Dance More!? Dieses Modul bietet Möglichkeiten, einander und sich selbst durch Bewegung in einer Vielfalt von Formaten zu begegnen:

Starten Sie gemeinsam in den Tag, indem Sie an der täglichen Morning Practice teilnehmen. Lernen Sie eingeladene Tänzer:innen und ihre Praktiken in der Workshop-Reihe Dancing Conversations kennen. Spenden Sie Ihre Bewegungen in der MotionCaptureBox, einer einzigartigen Möglichkeit, sich, in der Motion Bank Gallery, mit Motion-Capture-Technologie auseinanderzusetzen. Durchqueren Sie den DanceTunnel, um Inspiration zu kanalisieren, etwas abzuschalten und einfach zu tanzen. Nehmen Sie am ARK Rave Studio teil, einer Session mit hochintensivem Tanz, um ihr Menschsein in allen Facetten auszuloten. Stellen Sie den Kongress auf den Kopf und machen sie die Tanzfläche der Party - Sharing Rhythm unsicher.

Bringen Sie sich, einander und den Tanzkongress 2022 in Bewegung!

Open Calls

Mit dem „Call for Proposals“ haben wir Tänzer:innen, Choreograf:innen, Probenleiter:innen, Dramaturg:innen, Produzent:innen, Theoretiker:innen, Kompanie- und Theaterleiter:innen und alle Tanzschaffenden eingeladen, Best-Practice-Modelle vorzustellen, wie man Wissen und andere Ressourcen miteinander teilen kann.

Von den 115 Projektvorschlägen fanden 21 Eingang in das Programm. Einige Einreichungen wiesen eine thematische Nähe zu dem von 19 Kurator:innen vorbereiteten Programm auf und finden sich nach einem gemeinsamen Arbeitsprozess in deren Modulen wieder. Diverse Fragestellungen zu Tanzausbildung und -vermittlung, innovativen inklusiven Arbeitsmodellen, zu Geldverteilung und Wissenstransfer, digitalen Tools, urbaner Tanzästhetik, den Perspektiven für den ländlichen Raum und vieles mehr bereichern den Tanzkongress und setzen zukunftsweisende Impulse.

Viele dieser Formate sind so konzipiert, dass sie einen regen Austausch zwischen den Teilnehmenden ermöglichen. Andere Veranstaltungen wie „tanzen/teilen“ der Gesellschaft für Tanzforschung oder „urban dance utopia“ von Celestine Hennermann und Jonas Frey setzen sich aus verschiedenen Elementen zusammen und integrieren z.T. zahlreiche weitere Teilnehmer:innen.

Ingrida Gerbutavičiūtė & Honne Dohrmann mit weiteren Kurator:innen des Teams

Rehearsal Director

In diesem Modul wollen wir sammeln, ordnen und befragen, was das Berufsbild Rehearsal Director heute ausmacht, um Erwartungen, Potenziale und Herausforderungen klarer formulieren zu können. In unser aller Interesse – denn durch die heterogene Entwicklung der Tanzszene in den letzten Jahrzehnten stellen sich viele neue Herausforderungen an Probenleiter:innen. Künstlerische Praxis und Produktionspraxis sind von ihnen an institutionellen Theatern und in freien Produktionen gefragt. Künstlerische Leiter:innen von institutionellen Tanzkompanien sind immer häufiger Kurator:innen, sodass Probenleiter:innen mit verschiedenen Choreograf:innen zusammenarbeiten und sich in unterschiedliche choreografische Konzepte und Arbeitsweisen eindenken müssen.

Zeitgenössischer Tanz, vielseitige Spielpläne durch Gastchoreograf:innen und Touring bringen neue planerische Herausforderungen. Nicht zuletzt trägt die Probenleitung durch Organisation und Durchführung des täglichen Trainings und die Vorbereitung auf die jeweiligen Choreografien die Verantwortung für die Qualität des Tanzens. Neben dem Assistieren bei Neu-Einstudierungen von Stücken, „Putzen“ der Choreografien sowie der Durchführung von Wiederaufnahmen, gehört das Management von Ressourcen und Logistik für die Proben zu den Aufgaben. Im Umgang mit den Tänzer:innen und Choreograf:innen sind hohe Kommunikationsfähigkeiten gefragt, es gilt die Arbeitsatmosphäre im Flow zu halten, Tänzer:innen zu motivieren und zu stärken.

Darüber hinaus erweitern sich die Verantwortlichkeiten der Probenleiter:innen auf ethische und soziale Fragen von künstlerischen Arbeitsprozessen wie etwa Authorship und Diversity ebenso wie auf betriebspraktische Arbeitsfelder wie Bühnenmanagement und Produktionsleitung (Gastspielreisen, Nachhaltigkeit, Willkommenskultur etc.). Dies erfordert hohe Kompetenzen in verschiedenen Bereichen: Trainingslehre, Choreografie, Coaching, Management, Kommunikation, Logistik, Psychologie etc. Und das wirft schließlich die Frage auf, wie der damit einhergehenden Gefahr von Überforderung entgegengewirkt werden kann.

Friederike Lampert

New Friendships!? – Freie Szene und Kulturinstitutionen

Existiert sie wirklich, die vielbeschworene Kluft zwischen freiem Tanz und dem Tanz in Institutionen? Spätestens seit der Jahrtausendwende zeigt sich ein erstaunlicher Wandel in Deutschland, in ästhetischer und politischer Hinsicht. Während sich einerseits das Repertoiretheater öffnet und Strukturen in Bewegung geraten, wird andererseits manche freie Gruppe zur (neuen) Institution. Diese Annäherungen öffnen Wege für spannende Formen der Zusammenarbeit. Wir wollen uns in diesem Modul der neuen Realität annähern und uns in drei Podiumsdiskussionen die Frage stellen, welche Chancen und Risiken dieser Brückenschlag birgt.

Die erste Podiumsdiskussion beschäftigt sich mit der Überwindung der scheinbaren Trennung von Institution und freier Tanzszene in Deutschland und stellt Wege zur Öffnung vor. Wo liegen die Herausforderungen, was sind die Chancen, aber wer setzt die Grenzen? Was ist eigentlich ein kuratorisches Modell? Wo findet bereits jetzt ein Wechsel innerhalb der Tanzensembles statt?

Die zweite Podiumsdiskussion wagt den Blick über den Tellerrand hinaus. Am Beispiel vergleichsweise „junger“ Institutionen und Kompanien aus Europa werden Best-Practice-Beispiele vorgestellt. Wie bleibt man als Institution beweglich? Wie kann man zeitnah auf aktuelle Fragen reagieren und gleichzeitig Künstler:innen, Geldgeber:innen und Publikum die nötige Sicherheit bieten?

In einigen Ländern pendeln immer mehr Künstler:innen zwischen Beschäftigungsverhältnissen in festen und freien Strukturen. Die dritte Podiumsdiskussion stellt die Frage danach, wie sich diese Übergänge gestalten lassen und wie neue Arbeitsmodelle für die Zukunft etabliert werden können. Wie kann man fantasievoll mit den Gegebenheiten umgehen und wer muss sich an wen anpassen?

Honne Dohrmann & Thorsten Teubl

Tanz und Digitaler Raum

Sind gestreamte Vorstellungen, Probenarbeit per Video-Call und choreografierte Avatare die Zukunft des Tanzes oder nur eine temporäre Erscheinung, die mit der Pandemie wieder in den Hintergrund rücken wird? Sicher ist: Durch die Pandemie hat die Frage nach dem Verhältnis von Tanz und Digitalem Raum eine neue Dringlichkeit erlangt.

Während sich Tanzhäuser, Festivals und Kompanien gezwungen sahen, von einem Tag auf den anderen auf digitale und hybride Formate umzurüsten, erschien der Strukturwechsel aus Sicht einer jungen Künstler:innengeneration als überfällig. Das Digitale ist längst keine reine Zukunftsvision mehr. Immer mehr Choreograf:innen zeigen ein enormes Interesse, ihre eigene Lebensrealität, die kaum noch zwischen virtueller und vermeintlich realer Wirklichkeit unterscheidet, im Tanz zu reflektieren. Dabei sind eine Reihe neuer Ästhetiken und interdisziplinärer Ausdrucksformen entstanden, die Tanz nicht nur mit anderen digitalen Künsten, sondern auch mit Zukunftstechnologien wie Virtual Reality, Augmented Reality oder Artificial Intelligence zusammendenken.

Darüber hinaus haben sich neue Märkte entwickelt, die in den digitalen Kommunikationswegen des Tanzes vor allem auch wirtschaftliche Potenziale erkennen: Nie zuvor waren Dance Classes, Formate zur Wissensvermittlung oder die Performances selbst so international erfahrbar wie in der Gegenwart. Kann Tanz im 21. Jahrhundert also die digitale Zukunft umarmen, ohne dabei seinen Wesenskern als unmittelbares und gemeinschaftsbildendes Live-Erlebnis preiszugeben?

Tobias Staab & Guy Weizman

Tanzausbildung

In der Tanzausbildung geht es sowohl darum, das Wissen um den Tanz als auch ganz konkret Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie ein entsprechendes Repertoire von Tanzstilen und physischen Übersetzungsmethoden zu vermitteln. Diese Fähigkeiten werden stark durch ihre Anwendung in der beruflichen Praxis, überwiegend in den Darstellenden Künsten, definiert. Hier werden sie ganz konkret entwickelt und unterrichtet – was eine Tendenz mit sich bringt, bereits bestehendes Repertoire zu wiederholen.

Darüber hinaus aber musste der Tanz im 20. Jahrhundert immer wieder neu bewertet und definiert werden – im Lichte staatlicher Förderung, durch Politiker:innen und die Wissenschaft und in seinen zahlreichen Bezügen zu den Entwicklungen in anderen sozialen und wissenschaftlichen Bereichen. Dies führt dazu, dass der Tanz sowohl in der akademischen Welt als auch im Bereich der Bildung und im Gesundheitswesen gegenwärtig ist. Tanzwissen ist von großem Wert für die Wissenschaft allgemein, für Philosophie, Gesundheits- und Sozialforschung. Wagen wir also einen Blick in die Zukunft, sagen wir in das Jahr 2046, und fangen wir an, mögliche Beziehungen zu etablieren, die für die Entwicklung des Tanzes und unserer Gesellschaften hilfreich sein können!

Für den Tanzkongress 2022 schlage ich vor diesem Hintergrund im tanzpädagogischen Modul folgende Fragen vor: Welche Bereiche wird die Tanzausbildung 2046 abbilden? Welche Fähigkeiten werden in der Praxis benötigt? Was bedeuten Inklusion und Diversität für tänzerische Praxis und Pädagogik? Wie stellen wir uns zukünftige Tänzer:innen vor? Was müssen wir tun, um Tanz weiterhin vermitteln zu können – als menschlichen Ausdruck, als Kunstform, als eine Verbindung zur Natur und zu unseren Körpern und als mögliche heilende soziale Kraft?

Bertha Bermúdez

Transcendence

Seit jeher wird der "Mutterkontinent" Afrika mit Überlebenskampf und Durchhaltevermögen konnotiert. „Durchhalten ist die Kunst des Überlebens”, sagt der omanische Autor Saim A. Cheeda – und wenn wir diesem Zitat folgen, sind alle Afrikaner:innen Künstler:innen. Die ausgewählten Teilnehmer:innen aus Afrika verbindet ein gemeinsames Thema, das ihre Arbeiten bestimmt: Sie nutzen kreativen Raum um zu überleben – und sie überleben als Künstler:innen!

Selbstdarstellung und Selbsterkenntnis sind für sie wesentliche Werkzeuge, auch um all die Stereotype, Haltungen und Denkweisen aufzuzeigen, die es in der Gesellschaft gegenüber dem „Anderen“ gibt. Diese Künstler:innen stehen vor außergewöhnlichen, weil existenziellen Herausforderungen, denen sie durch Beständigkeit, durch den schieren Überlebenswillen ihrer Kunst und ihres „human spirits” trotzen. „Transcendence” ist die Überschrift dieses Moduls und sie soll den Geist und die Energie ausdrücken, die Künstler:innen befeuern, über ein „normales“ körperliches Level hinausgehende Erfahrungen zu machen und ihre Kreativität zu leben. Oder, wie einer der beteiligten Künstler:innen sagt: „Ich kämpfe wie im Koma“. Die sehr unterschiedlichen Stimmen dieser Künstler:innen sollen hörbar werden, wir wollen sie verkörpern und ihre große Bedeutung zeigen – im Zusammenspiel mit einem solidarischen und zugleich konstruktiv-kritischen Publikum.

Mamela Nyamza & Taigué Ahmed

Well-being und die soziale Frage

In der Auseinandersetzung mit dem Thema „Well-being und die soziale Frage“ soll es vor allem um zukunftsgewandte Themen gehen. Die Pandemie führte zunächst dazu, dass die Menschen erstarrten, um dann jedoch unter großen Beschleunigungsdruck für transformative Ideen für das neue Zeitalter zu geraten. Und genau diese Entwicklung scheint heute unser Denken maßgeblich zu bestimmen – die Idee vom „Safe Space“ wandelt sich gerade in „Brave Space“. Es braucht Mut, um sich von alten Vorstellungen zu lösen.

Was es bedeutet „aufeinander zu achten“, wurde während der Pandemie mehr als deutlich. Wir erleben eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft und daraus erwächst die Frage, ob und wie Kunst und Kultur die Rückbildung schaffen können. Was kann der Tanz dafür leisten, ohne sich instrumentalisieren zu lassen? Kann der Tanz Antworten auf die vielen Widersprüche anbieten? Und was braucht der Tanz, um Well-being nach innen und außen zu generieren?

In diesem Modul beschäftigen wir uns aus unterschiedlichen Perspektiven und in unterschiedlichen Formen mit Fragen der gegenseitigen Fürsorge, mit neuen Ansätzen und Instrumenten, die uns im Tanz zur Verfügung stehen können, und mit Möglichkeiten und Wegen, die Zeit des gesellschaftlichen und ökologischen Umbruchs mit mehr emotionaler Intelligenz zu gestalten und einem schleichenden Sinnverlust zu begegnen.

Pia Krämer